Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Extrawurst (2025)

VON EINEM INS ANDERE

7/10


© 2025 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARCUS H. ROSENMÜLLER

DREHBUCH: DIETMAR JACOBS, MORITZ NETENJAKOB, NACH DEREN BÜHNENSTÜCK

KAMERA: DANIEL GOTTSCHALK

CAST: HAPE KERKELING, ANJA KNAUER, FAHRI YARDIM, CHRISTOPH MARIA HERBST, FRIEDRICK MÜCKE, MILAN PESCHEL, ANDREAS WINDHUIS, GABY DOHM, KATRIN RÖVER, PATRICK JOSWIG, MALENE BECKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Jakobswegbegeher und Komödien-Urgestein Hape Kerkeling plagt der Ischias. Und im Laufe der auf einem Theaterstück basierenden Gesellschaftskomödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob noch viel mehr. Warum? Ursächlich sind die Befindlichkeiten sämtlicher Mitglieder, die hier, im Tennisverein von Lengenheide, ihre Meinung kundtun wollen. Meinungsfreiheit ist wichtig, keine Frage. Schließlich leben wir in einer Demokratie, und am Ende des Tages wird demokratisch entschieden, wer im nächsten Jahr wieder den Vorsitz übernimmt, welche Gerätschaften neu angeschafft werden und wo man veraltete Glaubenssätze vielleicht entstauben könnte.

Ein imaginärer Riesengrill

Meist gibt der Stein dabei den Anstoß. Oder ein anderes Objekt. In Extrawurst ist es der Grill. Oder der Zweitgrill. Jedenfalls ein zur ungesunden Vergenusszwergelung herangeschafftes Teil für Festivitäten und gemütlichem Ausklang. Fragt sich nur, wo einer wie Erol seine Halal- Knoblauchwürste drauftun soll. Eine Überlegung, die Tennis-As Melanie (Anja Knauer) am Ende der Jahreshauptversammlung kundtun möchte. Dabei lässt sie nicht locker, und will auch nicht klein beigeben, auch wenn Vereins-„Erdoğan“ Heribert, eben Hape Kerkeling, längst schon den ungezwungenen Ausklang wünscht. So steht bald nicht der Elefant, sondern der Zweitgrill im Raum. Wie das bei Befindlichkeiten nun mal so ist, und das eigene Weltverständnis wie bei jedem von uns den meisten Raum einfordert, kommt eines ins andere, die Mücke bläht sich auf und reißt einen Pulk ganz anderer, nur lose mit dem Grill verbundener Themen mit, die sich, angefangen von Religion, Gesellschaft und Beziehungen bis hin zu Rollenbildern, Rassismus und Vereinspolitiksverdrossenheit prokokativ entfalten. Es bleibt kein Auge trocken, geschimpft wird viel, und bald schon fuchteln die Männer mit den Armen, während Heribert mit den Hüften quietscht.

Polemik als Randomspirale

Der an Filmerfahrung reiche Herbert H. Rosenmüller, der es tatsächlich geschafft hat, den beliebtesten Kobold aller Zeiten, nämlich Pumuckl, aus der Stasis zu holen, sammelt ein spielfreudiges Ensemble um sich, das sich sichtlich nicht schwertut, in Fahrt zu kommen. Bevor das Publikum überhaupt in der von Emotionen aller Art aufgeladenen Tennishalle Platz nehmen kann, um mitzuverfolgen, wohin die Reise, dessen Ziel man nicht absehen kann, geht, bestimmt Kerkeling aus dem Off und anhand diverser Szenen, die aus dem Ruder laufende Konflikte darstellen, bereits die Richtung, die diese Komödie wohl nehmen wird. Es ist die der gesprochenen, viel zu schnell über die Lippen gehenden Worte, für die man sich selbst oft schämt, die man schließlich niemals so gemeint hat, die einfach nur dazu da sind, um zu polemisieren. Polemik, ungeliebtes Kind unkontrollierter Emotionen, heizt wie Sauerstoff das Feuer den großen Streit an. Wie sehr man dabei den Fokus aufs eigentliche Thema aus den Augen verliert – das zu beobachten kann einen zur Verzweiflung bringen. Je weiter der verbale Konflikt voranschreitet, um so gordischer wird der Knoten. Diesen Prozess fängt Rosenmüller genüsslich ein, und alle, wirklich alle, spielen mit.

Immer wieder Öl ins Feuer

Gesprochen wird viel, unentwegt hat jemand seinen Senf dazuzugeben, während es zusehends um die Wurst geht. Und dennoch bleibt allem ein gewisser jovialer Charme haften, Zynismus kommt hier selten vor, Bösartigkeit auch nicht, denn jeder meint es letztlich gut und auch nicht so, wie er oder sie es gesagt hat. Die Debattenkultur bleibt eine verbale, letztendlich liegt die Sehnsucht nach Konsens in der Mentalität dieser Komödie, die die richtig heißen Eisen zwar nicht anpackt, aber im Austeilen von Seitenhieben fit genug ist. Zwischendurch – und so ist es auch in natura – erschöpft sich die Diskussion, tritt auf der Stelle, sucht dringend nach dem Öltropfen, den Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim oder Anja Knauer ins Feuer gießen. Das wirkt manchmal zu gewollt oder aufgesetzt, doch andererseits kennt man das ja schließlich selbst: Man lässt so lange nicht locker, bis das eigene Ego befriedigt ist. Bis der Konsens zu den eigenen Gunsten ausfällt. Oder höhere Mächte die Prioritäten neu ordnen.

Rosenmüllers redselige, warmherzig-unfreundliche Konfliktstudie zeigt auf versöhnliche Art und Weise, wie schwer es ist, Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Kommunikation ist alles, der Rest dabei ziemlich wurst.

Extrawurst (2025)

Greenland 2 (2025)

STRAHLEND SCHÖNE AUSSICHTEN

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: GREENLAND 2: MIGRATION

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: MITCHELL LAFORTUNE, CHRIS SPARLING

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: GERARD BUTLER, MORENA BACCARIN, ROMAN GRIFFIN DAVIS, AMBER ROSE REVAH, GORDON ALEXANDER, PETER POLYCARPOU, WILLIAM ABADIE, TROND FAUSA AURVÅG U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Nein, dieser Film handelt nicht davon, wie US-Diktator Trump versucht, sich die größte Insel der Welt, ob gewaltsam oder nicht, unter den Nagel zu reißen. Grönland ist im Vorgängerfilm Greenland aus dem Jahr 2020 zwar auch heiß begeht und umkämpft, dient aber vorrangig als temporäres Elysium für Menschen, die dem großen Desaster, den der Komet Clarke wohl bringen wird, entgehen wollen. Das allerdings wollen alle, doch nur einer gewissen Anzahl der Gattung Homo sapiens wird dieses Glück im Unglück vergönnt sein. Das Establishment der Apokalypse hat sich’s mehr oder weniger gerichtet, darunter zählt auch die Familie von Gerard Butler, die sich im Kino-Erstling zwischen Panik, Chaos und vom Himmel regnendem Feuer immer wieder verliert, um sich dann doch noch wiederzufinden.

Gelobtes Land 2.0

Fünf Jahre später sind auch fünf Jahre im Bunker, der tief unter Grönlands Erde ein ganz schönes Grüppchen an Menschen versorgt. Die Erde ist nur noch ein versehrter Brocken im All, die Meere schwappen zwar immer noch im Tidenhub an die Küsten, doch die Luft ist radioaktiv verstrahlt, von oben regnet es immer noch Trümmer und so manch elektromagnetischer Staubsturm fegt, beladen mit Blitzen, über desolate, wüstenhafte Einöden. Daddy Gerard Butler gönnt sich dabei immer mal wieder den Ausflug an die Oberfläche, um an brauchbare Dinge zu kommen, was logischerweise auf Kosten seiner Gesundheit geht. Davon wissen Frau und Kind noch nichts, oder wollen es nicht wahrhaben. Sie hoffen auf bessere Zeiten, die allerdings nicht kommen werden, Denn Grönland entwickelt bald ein tektonisches Eigenleben, was Butler und seine Familie dazu nötigt, sich auf die Suche nach dem gelobten Land zu machen, das sich im Krater aller Krater, nämlich genau dort, wo Asteroid Clarke auf Tuchfühlung mit der Erde ging, längst etabliert haben könnte. Die Aussichten stehen sagen wir mal fifty-fifty, oder zumindest fortynine-fiftyone, also zugunsten einer möglichen Zukunft im Paradies, umgeben von Krieg, Postapokalypse und Zerstörung. Was folgt, ist eine Odyssee auf dem Wasser und zu Land, und stets hat Ric Roman Waugh hier die Familie im Fokus, das letzte noch existierende intakte System unter Menschen, das noch nicht vorrangig von Waffen Gebrauch macht, um die letzten Flecken Erde, die es lohnt, zu bewohnen, zu erobern.

Ordnung im Chaos mit Fingerspitzengefühl

Greenland 2 setzt, wie schon Greenland, auf weitgehend realistische Bilder und denkt das mögliche Szenario nach einer globalen Katastrophe durchaus ernsthaft und auch konsequent durch, allerdings nicht so kompromisslos wie es Alex Garland machen würde, der nach Civil War, seinem Neo-Bürgerkriegs-Schocker im Reportage-Stil, wohl auch den Kometen in ähnlicher Kompromisslosigkeit hätte einschlagen lassen. Ric Roman Waugh gelingen im Erfassen der ganzen Katastrophe vor allem dynamische Massenszenen, er scheint ein Händchen dafür zu haben, eine gewisse visuelle Ordnung gerade im Chaos zu entdecken. In diesen Momenten ist Greenland 2 am stärksten und wird auch richtig spannend, wenn es hart auf hart geht. Das Ziel, zusammen zu bleiben, ist auch hier wieder die halbe Miete. Dazwischen findet Greenland 2 das Wohl des von Entbehrungen Gezeichneten in der Bewusstmachung unvergänglicher Werte, die, wenn man sie vertritt, das Schicksal milde stimmt.

Endzeit-Fototapete

So mancher Endzeitfilm ist aber nur halb so gut, wenn während des Trips durch die Ex-Zivilisation nicht eine Challenge die nächste jagt. Sich dieses Konzepts für todsichere Survival-Unterhaltung annehmend, strapaziert Waugh dabei die sonst so angestrebte Glaubwürdigkeit, was dazu führt, dass sich das Publikum rechtzeitig noch darauf besinnen kann, in einem leider doch arg konstruierten Hollywood-Blockbuster zu sitzen, von dem keinerlei Gefahr droht. Denn schließlich ist das gelobte Land nicht weit und das strahlende Fototapetenmotiv einer besseren Welt die ideale Bühne, um Ende und Anfang gleichermaßen zu zelebrieren.

Greenland 2 (2025)

Song Sung Blue (2025)

NOT ONLY A DIAMOND IS FOREVER

7/10


© 2025 Universal Pictures Austria


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CRAIG BREWER

DREHBUCH: CRAIG BREWER, NACH DER DOKUMENTATION VON GREG KOHS

KAMERA: AMY VINCENT

CAST: HUGH JACKMAN, KATE HUDSON, ELLA ANDERSON, KING PRINCESS, JIM BELUSHI, FISHER STEVENS, HUDSON HILBERT HENSLEY, MICHAEL IMPERIOLI, MUSTAFA SHAKIR U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Es gibt da diese Aha-Erlebnisse, die ich mit Neil Diamond assoziiere. Zum einen jenen, der sich in Frank Oz‘ herrlicher Komödie Was ist mit Bob? versteckt. Neurotiker Bill Murray erklärt dabei den Grund, warum seine Ehe in die Brüche ging: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die, die Neil Diamond mögen, und die, die ihn nicht mögen. Meine Ex-Frau liebt ihn.“ Zum anderen die dritte Episode der siebten Staffel von The Big Bang Theory, in welcher Simon Helberg und Mayim Bialik, die in ihren Filmfiguren nichts miteinander gemeinsam haben, ihre Liebe zu besagtem Sänger entdecken, indem sie, fahrend im Auto, im Duett Sweet Caroline schmettern. Jedes Mal, wenn ich diesen Klassiker höre, habe ich diese Szene vor Augen. Und, im Gegensatz zu Bill Murray, habe ich Neil Diamond insofern schätzen gelernt, da seine Lieder das Zeug haben, als Ohrwürmer tagelang hängenzubleiben. So passiert mit Song Sung Blue. Da reicht es, im Kinoprogramm Craig Brewers Film zu erspähen, und schon summt das Hirn die Melodie. Immer und immer wieder.

Wie man Ohrwürmer wieder los wird

Die beste Methode, diese Dauerschleife zu durchbrechen, ist, das Lied tatsächlich ans Ohr zu lassen. Zum Beispiel aus der Kehle von Hugh Jackman, der auf gewohnt sympathische Weise den Sänger Mike Sardina verkörpert. Noch nie von ihm gehört? Das ist nicht so verwunderlich, wenn man kein eingefleischter Neil Diamond-Fan ist. Um Personen wie diese aus dem Showbusiness ins Licht des Allgemeinwissens zu rücken, braucht es Filme wie diesen. Und schon weiß man und vergisst auch nicht so schnell: Jackman im Langhaar-Look und blauem Glitzersakko, das ist Lightning – jener Mann, der gemeinsam mit Ehefrau Claire die Neil Diamond Tribute-Band Lightning & Thunder gegründet hatte, die in den Achtzigern jenen, die sich keine Neil Diamond-Konzertkarten leisten konnten und dennoch die Experience eines authentischen Konzerts genießen wollten, so richtig einheizten. Wie es dazu kam und was aus diesen beiden wurde, die zusammen eine Patchwork-Familie bildeten, weil beide Kinder aus ersten Beziehungen hatten – nicht nur das erzählt Brewer, basierend auf einer Dokumentation von Greg Kohs aus dem Jahr 2008. Er erzählt auch von Menschen und ihren Träumen, und wie sie jäh daran gehindert werden, diese auszuleben, weil das Dasein an sich niemals damit zögert, das Lebensglück zu brechen.

Das Mehr an Schicksalsschlägen

Neben den altbekannten Ohrwürmern Neil Diamonds bekommt eine viel weniger bekannte Nummer ihre würdige Interpretation: Soolaimon – wohl das Lieblingslied des zu früh verstorbenen Mike Sardina. Hugh Jackman und Kate Hudson sind stimmlich und auch in Sachen Performance absolut in der Lage, diesen und andere Songs zu meistern, somit vergeht der Film zwar nicht wie im Fluge, unterbricht aber immer wieder die relativ konstante, erzählerisch nicht ganz so geschickt strukturierte True Story, die sich aber ziemlich genau so zugetragen hat – manches will man ja gar nicht glauben und würde es, wäre es fiktiv, gar als etwas dick aufgetragen empfinden. Doch Schicksalsschläge sind des öfteren ungerecht verteilt, und manche bekommen mehr davon ab als andere. Die, die mehr abbekommen, sind Lightning & Thunder. Das geht ans Herz, wenn Lightning ohne Thunder nicht mehr Musik machen kann, weil es alleine einfach nicht mehr dasselbe ist. Liebe steht in Song Sung Blue großgeschrieben, doch nicht auf die schwülstige Weise, sondern verwoben in ein tragikomisches Auf und Ab mit manchmal mehr Tragik als erwartet, vor allem in der zweiten Hälfte, in welcher der Film seine Tonalität mutig verändert.

Jackman und Hudson sind beide gut in Form, an die Frisur Jackmans kann man sich gewöhnen, muss man aber nicht – diese ist wohl den Fakten geschuldet und auch einem Neil Diamond der Siebziger. Alles in allem beschert dieses in gewohnt amerikanischem und gleichsam bewährtem Erzählstil gehaltene Melodram Kinostunden, die man gerne investiert, weil mit Musik meistens alles besser geht und auch Filme ihren ganz besonderen Kick bekommen. So auch dieser.

Song Sung Blue (2025)

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

ES MUSS NICHT IMMER LIAM NEESON SEIN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: BRIAN KIRK

DREHBUCH: NICHOLAS JACOBSON-LARSON, DALTON LEEB

KAMERA: CHRISTOPHER ROSS

CAST: EMMA THOMPSON, JUDY GREER, MARC MENCHACA, GAIA WISE, BRÍAN F. O’BYRNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Sie hat wohl schon alles gespielt, was man sich nur vorstellen kann, vorzugsweise natürlich Charakterrollen in anspruchsvollen Filmen, dabei kaum Horror, dafür aber ab und an herzhaften Nonsens, wie seinerzeit an der Seite vom schwangeren Arnold Schwarzenegger in Junior. Zuletzt hat sie sich Callboy Daryl McCormack geangelt – im erfrischend intimen und dialogstarken Kammerspiel Meine Stunden mit Leo. Was ihr in ihrem Repertoire auch noch wirklich fehlt, wäre ein waschechter Thriller. Einer von der harten, straighten, kompromisslosen Sorte. Etwas, wo Emma Thompson die unfreiwillige Actionheldin raushängen lassen kann, trotz fortgeschrittenen Alters, denn was Sylvester Stallone, Dolph Lundgren oder die steirische Eiche können, kann die toughe Britin schon lange. Dafür muss sie gar nicht zum Expendable werden, sondern einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Hüttengaudi für Hinterwäldler

Oder aber: Zur falschen Zeit  genau dort, wo Witwe Barb die Urne ihres verstorbenen Mannes hinbringen hätte sollen: An einem zugefrorenen See in Minnesota, irgendwo in der Wildnis, meilenweit entfernt vor der nächsten annähernd urbanen Infrastruktur, dort, wo aufgrund der Kälte niemand Gute Nacht sagt, sondern nur schmerzliche Erinnerungen von damals hochkommen, als Barb und ihre große Liebe sich zum ersten Mal verabredet hatten – zum Eisfischen.

Lang ist’s her, und der Weg dorthin eine Challenge durch Schnee, Sturm und Eis. Irgendwann trifft Barb auf eine Hütte im Wald – und wir wissen längst; Hütten im Wald bedeuten zumindest in den USA einfach nichts Gutes. Der wortkarge Hinterwäldler weist der Guten den Weg, nicht ohne bei dieser ein gewisses Gefühl des Unbehagens zu hinterlassen. Kurze Zeit später, bereits am See angekommen, ertönen Schreie durch den im Winterschlaf befindlichen Tann. Barb ist nun auf sich allein gestellt, um das Rätsel zu lösen und um ihr soziales Pflichtgefühl zu aktivieren, welches bedeutet: Menschen in Not muss geholfen werden.

Liam Neeson ist eine Frau!

Wie handhabt ihr das? Filme, die im Winter spielen, im Sommer ansehen? Filme, in denen der Schweiß aus allen Poren dringt, im Winter? Ich für meinen Teil hab’s nicht nur in natura gerne frostig – auch im heimeligen Kino oder den eigenen vier Wänden darf es auf dem Screen gerne der Jahreszeit entsprechen. Also ist Dead of Winter – Eisige Stille zur jahreszeitlichen Abstimmung der ideale, gut verpackte, handliche kleine Thriller, in welchem Judy Greer in kompromissloser Verbissenheit die Antagonistin gibt. Lange bleibt unklar, welche Ursachen dieses ganze Schlamassel weitab vom Schuss eigentlich hat, und Brian Kirk und sein Drehbuch schieben des Rätsels Lösung lange vor sich her. Währenddessen kann man den beiden Damen, die sich auf Augenhöhe begegnen, beim Hickhack und beim Shootout zusehen, wobei Thompson als Survival-Improvisationstalent dank ihrer Glaubwürdigkeit jede Menge Sympathiepunkte sammelt und obendrein noch Action-Opa Liam Neeson, der Rollen wie diese nicht ausschlägt, noch ein bisschen älter aussehn lässt.

Dass es am Ende, und zwar bei beiden Hauptdarstellerinnen, so richtig persönlich wird, hat zur Folge, dass Dead of Winter – Eisige Stille vom knackigen Winterthriller auf geradem Wege zum unerwartet düsteren, fast schon nach skandinavischem Kino anmutenden Arthouse-Drama mutiert, welches Trauer, Todesangst und Opferbereitschaft zwar nur kurz, aber dennoch intensiv genug thematisiert. Letztlich bleibt festzustellen, dass man Dead of Winter – Eisige Stille wohl ein bisschen unterschätzt haben könnte.

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

Zweitland (2025)

EIN BRUDERZWIST IN SÜDTIROL

6/10


© 2025 Starhaus Filmproduktion


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN, ÖSTERREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL KOFLER

KAMERA: FELIX WIEDEMANN

CAST: THOMAS PRENN, AENNE SCHWARZ, LAURENCE RUPP, NICLAS CARLI, FRANCESCO ACQUAROLI, ANDREA FUORTO, ROLAND SELVA, FABIAN MAIR MITTERER, EVA KUEN, MICHAEL FUITH, LEO SEPPI, GABRIELE MAZZONI, JOSHUA BADER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Südtirol. Ja, das war mal Teil von Österreich-Ungarn, bis 1918, nach dem Waffenstillstand mit Italien, woraufhin das Gebiet von italienischen Truppen besetzt und somit auch Teil dieses Königreichs wurde. Bis heute, nur ist die Monarchie mittlerweile eine Republik. Dass es, angefangen von den 50er Jahren, bis in die späteren 60er Jahre hinein terroristische Bemühungen gab, hier einen Wandel zu vollziehen und Südtirol wieder Österreich einzuverleiben: diese Begebenheiten blieben bis zur Sichtung des Films eine wenig beachtete Randnotiz. Ich habe zwar selbst Vorfahren aus dieser Weltgegend – doch über separatistische Bewegungen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wusste ich wenig. Umso mehr erfüllt Zweitland einen gewissen Bildungsauftrag mit österreichischem Bezug, und präsentierte sich mir in seiner Logline als Pflichtfilm, den man gesehen haben muss, um zumindest mithilfe einer Kunstform, wenn auch nur oberflächlich, ein paar Lücken zu füllen, die in Sachen historisches Allgemeinwissen noch vorhanden sind.

Politisieren innerhalb der Familie

Regisseur und Drehbuchautor Michael Kofler legt seine Nachbetrachtung der Ereignisse rund um die beginnende Dekade der 60er in der Erzählform einer losen Dreiecksgeschichte an. Es leben hier Anna und Anton mit Blick aufs Tal als hofbetreibendes Ehepaar mitsamt juvenilem Nachwuchs, und es gibt Paul, Single und ganz anders ambitioniert als sein Bruder Anton. Der ist ein Haudrauf, ein Kämpfer und Streitsüchtiger. Einer von heißem Blut und voll von revolutionärem Gedankengut. Schließlich strebt er es auch an, Teil einer Terrorgruppe zu werden, die separatistische Ziele verfolgt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt – ganz im Gegenteil. Ihm gegenüber der blutsverwandte Künstler, der Denker und Zartbesaitete, deutlich Schwächere. Paul will Kunst studieren, und hat mit politischen Bedürfnissen nichts am Hut. Sein Ziel, nach München zu gehen, wird dieser allerdings nicht umsetzen können. Denn Anton muss fliehen, hat dieser doch nebst Sachbeschädigung bald auch durch sein Zutun einen Zivilisten und später gar eine Sicherheitskraft auf dem Gewissen. Bevor Anna also allein bleibt, muss Paul ihr Beistand leisten. Und sucht immer wieder den Dialog mit seinem Bruder, der, für längere Zeit immer wieder verschollen, von seinem Fanatismus nicht ablassen kann.

Ein starkes Gespann

Geschichte lässt sich, fernab jeglichen Dokumentationsformats, am besten anhand einiger beteiligter Charaktere erzählen, die gerne auch fiktiv sein können, so wie hier in Zweitland. Doch Michael Kofler legt es niemals darauf an, aus seiner Familientragik einen melancholisch-kitschigen Fast-Heimatfilm zu entwerfen, der konservative Gemüter bewegt und vielleicht gar, was der Intention zuwiderlaufen würde, sowas wie Nostalgie versprüht. Zweitland ist ein düsteres, entsättigtes, karges Unterfangen, ein Extrem-Ganghofer, wenn man so will. Frei von Pathos, frei von bauernstüblichen Schnulzigkeiten. Dabei sind nicht nur die erdfarbenen Bilder aus Tann und Trübsal ausschlaggebend, sondern vor allem das Spiel der drei Protagonisten: Aenne Schwarz, Laurence Rupp und Thomas Prenn. Schwarz als im Südtiroler Dialekt sprechende Anna trägt die Verletzlichkeit, die Enttäuschung ob ihres Partners und das Bewusstsein ihrer eigenen Pflicht stets in ihrem Spiel ernüchtert mit sich herum, Thomas Prenn als der eigenbrötlerische, der den Traum seines Lebens zusehends austräumt, gibt in Nuancen den Gegenpart zum hemdsärmeligen Laurence Rupp, der zur Zeit wohl als einer der vielversprechendsten Nachwuchsschauspieler seiner Generation gilt und längst schon in unzähligen, budgetintensiven Produktionen zu sehen war. Demnächst spielt er neben Léa Seydoux, den Arminius aus der Hermannsschlacht hat er, souverän dargeboten, bereits in seinem Repertoire.

Geschichte nur im Hintergrund

Der muskelbepackte Rupp ist die ungestüme Kraft, der Egomane unter den Politaktivisten, die glauben, nur mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen. In diesem Dreieck passieren die eigentlichen emotionalen Wechselwirkungen, und das auf eine fast schon intime Art und Weise, die so sehr bemüht ist, zu überzeugen, dass der politische Hintergrund eben genau dazu verkommt: zum Hintergrund, nicht zum eigentlichen Thema. Schließlich handelt Zweitland – und das mag jene etwas enttäuschen, die erwartet hätten, es gehe vorrangig um die Geschichte Südtirols – wohl eher um verschenkte Träume und unterdrückte Bedürfnisse, falschen Idealismus und den Stolperfallen eines Hurra-Separatismus. All das sind Empfindungen und Lebenssituationen, die universell erscheinen, während Michael Kofler sichtlich zögert, die tragenden Ereignisse von damals näher zu beleuchten. Ein bisschen mehr davon hätte Zweitland gutgetan. Auch weniger Trübsal und Anti-Heimatfilm-Tristesse, andererseits aber wäre eine allzu idealisierte Buntfärbung dieser Familiengeschichte einem kritischen Publikum wohl auch nicht recht. Kofler belässt sein Ensemble manchmal zu sehr in dem, was es tut, verharren, wodurch dem Werk letztlich seine potenzielle Energie entweder abhanden kommt oder es diese gar nicht erst ausspielt.

Als ungefälliger Realismus bleibt Zweitland somit zu träge, als Politthriller zu vage, als hybrides Drama aber vor allem schauspielerisch überzeugend genug.

Zweitland (2025)

Zone 3 (2025)

EIN NEUES GESPENST GEHT UM IN EUROPA

7,5/10


© 2025 Studiocanal GmbH


ORIGINALTITEL: CHIEN 51

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

DREHBUCH: CÉDRIC JIMENEZ, OLIVIER DEMANGEL, NACH DEM ROMAN VON LAURENT GAUDÉ

KAMERA: LAURENT TANGY

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, GILLES LELLOUCHE, LOUIS GARREL, ROMAIN DURIS, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DAPHNÉ PATAKIA, ARTUS, STÉPHANE BAK, THOMAS BANGALTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Das Gespenst, das in naher Zukunft umgehen wird in Europa, ist nicht ein solches, von welchem Karl Marx seinerzeit gesprochen hat. Diesmal ist es ein Gespenst, das auf der anderen Seite der physischen, der unseren Realität operiert. Es ist, wie kann es anders sein, die künstliche Intelligenz, oder, wenn man salonfähig genug sein will, verwenden wir, wie schon seinerzeit Steven Spielberg: AI. Diese AI unterstützt uns alle, die auch nur irgendwie IT-Technologisches benutzen, bereits auf ungeahnte Weise. Es ist wunderbar, wenn vieles leichter geht, es ist weniger wunderbar, wenn die Erleichterung uns selbst ersetzt oder aber unsere Kreativität einschränkt, sodass wir im Endeffekt  kein Gehirnschmalz mehr benötigen, um Entscheidungen zu treffen oder uns Wissen anzueignen. Doch lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich denke, die Blase ist bereits soweit gedehnt, dass sie sich langsam zusammenzieht anstatt zu platzen. Aus der Welt schaffen lässt sie sich ohnehin nicht mehr, also besser, sich zu arrangieren, unabsehbar, welche Nebenwirkungen dies in naher Zukunft haben wird.

Ermittlungen per Knopfdruck

Die nahe Zukunft ist, um auf den Film zu sprechen zu kommen, in Frankreich diesmal eine, die wohl den Science-Fiction Autor Philipp K. Dick in Angst und Schrecken versetzt, bevor er vielleicht eine dahingehende Novelle verfasst hätte. Um Grunde hat er das auch, auf eine noch extremere Art, nämlich mit Minority Report. Diese Vision handelt von einer Methode, Gewaltverbrechen schon im Vorfeld zu erkennen, von wem und wie sie ausgeführt werden und so weiter. Im Film Zone 3 geht es allerdings vorrangig darum, Gewaltverbrechen, die passiert sind, zu rekonstruieren. Dabei hilft – und das ist mehr als aufgelegt – die künstliche Intelligenz, die alle möglichen Parameter scannt oder eben damit gefüttert wird. In weiterer Folge spuckt diese dann das nächstmögliche Szenario aus, um sich später dann als virtueller Sherlock Holmes feiern zu lassen, der alle Puzzleteile perfekt zusammenträgt. Was aber, wenn diese AI beginnt, zu halluzinieren? Wenn sie über ihre eigene Bias stolpert, die man unmöglich ausmerzen kann, schon gar nicht in einem Europa, in welchem die Gesellschaft in Zonen eingeteilt ist, von den Reichen bis hin zu den Armen, die in der dritten und letzten ausharren müssen. Die gesellschaftspolitische Ordnung erinnert an Neill Blomkamps Elysium, nur dort steht den Superreichen eine ganze Raumstation für im Erdorbit zur Verfügung, während Matt Damon mit Exoskelett die Revolution plant. Zone 3 ist da deutlich realistischer. Sollte sich das rechte politische Lager auf Dauer durchsetzen, sind Zonen wie diese durchaus vorstellbar. Und dann noch die AI, die vieles leichter macht. Leichter als möglich. Gar nicht gut, meinte schon Albert Einstein.

Am Anfang war kein Terminator

Statt Philipp K. Dick hat diese Idee Autor Laurent Gaudé auf Papier gebracht – und sie in einen futuristischen, nachtkalten, rauen High-Tech-Kriminalfilm verpackt. Chien 51 nennt sich die Vorlage, und Cédric Jimenez, der mit dem realitätsnahen und intensiven Terrordrama November schon überzeugt hat, gibt sich nun einer unbequemen, dystopischen Zukunft hin, die auf kluge Weise so manche Lücke füllt, die Filmklassiker wie James Camerons Terminator hinterlassen haben. Zone 3 fühlt sich an wie ein Prequel zum Killer-Androiden-Franchise, nur eben ohne Killer-Androiden und ohne Fiebertraum-Wahnsinn von James Cameron selbst, der ja im Rahmen eines solchen die Eingebung zum T1000 überhaupt erst erlangte. Roboter, die durch die Gegend stapfen und Menschen umnieten, ist stark von einer möglichen, zukünftigen Realität entfernt, dennoch aber lässt sich so eine Machtübernahme wie durch Skynet problemlos durchspielen, wenn man die Eigenheiten von ChatGPT und Konsorten potenziert. Spätestens dann öffnet sich die Büchse der Pandora und lässt sich nicht mehr schließen – nicht ohne Umwälzung, ohne Aufstand, ohne eines Sturms auf die Barrikaden, mit denen wir uns mit dem andauernden Drang nach Fortschritt selbst ummauern.

Antiheld im Regen

Gleich zu Beginn, wenn sich Gilles Lellouche frühmorgens aus seinen Laken erhebt, wird dieser ohne Umschweife zu einer Identifikationsfigur. Zwischen warmherzig, pragmatisch und auf sympathische Weise stur dringt dieser Protagonist durch ein Intrigen- und Indiziengeflecht, an seiner Seite eine auch sehr greifbare Adèle Exarchopoulos – anfangs noch die perfektionistische Exekutive, später dann, wenn sich das ungleiche Team eingespielt hat, bringen Emotionen die Ordnung ins Wanken. Das alles im dunklen, verregneten Blade Runner-Setting, mit Drohnen am Himmel und erstarkender Gefahren. Zone 3 ist manchmal so realistisch wie Children of Men, und hütet sich davor, nicht zu dick aufzutragen, um die akkurate Annäherung an eine Realität nicht zu verspielen. Vielen, die AI skeptisch gegenüberstehen, werden sich bestätigt fühlen. Viele, die das nicht tun, beschert der fesselnde Thriller zumindest ein gewisses Unbehagen. Zum Reflektieren der Lage regt Jimenez Werk aber bei jedem an.

Zone 3 (2025)

Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

ANGST VORM SCHWARZEN MANN

6/10


© 2024 Film Factory Entertainment


ORIGINALTITEL: EL ILANTO

LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: PEDRO MARTÍN-CALERA

DREHBUCH: PEDRO MARTÍN-CALERA, ISABEL PEÑA

KAMERA: CONSTANZA SANDOVAL

CAST: ESTER EXPÓSITO, MATHILDE OLLIVIER, MALENA VILLA, ÀLEX MONNER, SONIA ALMARCHA, TOMÁS DEL ESTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Stellt Euch folgende schaurige Szene vor: Da plaudert man per Videocall mit seinem gegenüber, meldet sich dieses mit einer Frage zu Wort, wer denn bei einem selbst auf Besuch sei. Warum, würde man antworten, sei man doch ganz alleine zuhause. Doch wer genau steht denn da in der Tür? Der Schauer läuft bei dieser Entgegnung mit Riesenschritten den Rücken hoch und setzt sich in den Nacken, wir drehen uns um und sehen natürlich nichts, doch da ist eine Präsenz, unser Gegenüber am Display des Computers sieht es ganz genau.

Solche paranormalen Vorkommnisse passieren im argentinischen Paranoia-Horror The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter – und ja, alles beginnt mit einem Schluchzen und Jammern, das die Protagonistinnen dieses Films wahrnehmen, dieses aber nicht verorten können, zumindest nicht sofort. Und dann passiert das, eingangs erwähnte Szene, die dunkle Silhouette einer Gestalt ist vage auszumachen, obwohl eigentlich niemand hier sein dürfte, in der Wohnung von Studentin Andrea. Noch schenkt sie diesen Vorkommnissen wenig Aufmerksamkeit, auch wenn ihre Freunde darauf beharren, dass jemand anderes in ihrer Wohnung war. Dieses andere entpuppt sich bald als finstere Entität, als ein personifizierter Fluch, als eine Bedrohung, die sich nur auf digitalen Medien manifestiert, sonst aber unsichtbar bleibt.

Toxischer Verfolger durch die Zeit

Wäre das die ganze Geschichte, hätten wir es mit einem relativ geradlinigen Dämonen- oder Geisterhorror zu tun, in welchem es darum geht, den oder die andersdimensionalen Verfolger abzuschütteln, vielleicht versehen mit einer tiefergehenden Symbolik, die sich in David Robert Mitchells beeindruckender Vergänglichkeits-Allegorie It Follows vorfinden lässt. Doch der Spanier Pedro Martín-Calero hat anderes, hat mehr im Sinn. Nicht der Tod und das Unausweichliche eines Lebensende, das die Existenz im Diesseits stets zum Tanz verführt, ist in The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter vorrangig. Schließlich gibt es in Caleros Film noch eine zweite Zeitebene – diese ist zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Südamerika angesiedelt, und zwar in Spanien. Dort stalkt die junge Filmstudentin Camilla im Rahmen ihres Kurzfilmprojektes eine junge Frau namens Marie, die natürlich nicht weiß, wie ihr geschieht. Dabei entdeckt sie auf den Videoaufnahmen diesen alten, blassen Mann in Schwarz, der vielleicht gar den Tod symbolisiert. Oder ist er ein Geist, ein Verstorbener, der Teufel? Im Laufe des Films wird zwar nicht alles deutlicher und klarer, doch dass es hier um epigenetisch übertragene Traumata geht, die von Generation zu Generation tief verwurzelt bleiben und derer sich niemand entledigen kann, wird wohl eher zutreffen als lediglich eine simple Bedrohung, mit denen vielleicht das Ehepaar Warren aus dem Conjuring-Universum klarkommen hätten können. Ich fürchte, bei dieser scheinbar zeit- und raumlos existierenden Macht sind selbst diese beiden mit ihrem Latein am Ende.

Nur vage Vermutungen

The Wailing trägt trotz all seiner punktgenau gesetzten, schaurigen Horrormomente, die für Unwohlsein sorgen, wohl mehr die Charakteristika eines feministischen Mysterydramas um ertragenes Leid ganze Lebensspannen hinweg. Mascha Schilinski hat sich mit In die Sonne schauen Ähnliches zu dieser Thematik überlegt, nur ganz woanders angesetzt. Martín-Calero legt die Ereignisse weniger episch an und reduziert das einwirkende Böse auf einen toxisch-männlichen Aggressor.

Die Dinge auflösen will Calero dabei nicht, vieles bleibt unerklärt, im Dunklen und im Diffusen. Man kann nur erahnen, was es mit diesen Vorkommnissen auf sich hat. Einen Reim darauf, der nicht hundertprozentig schlüssig ist, aber in Frage kommt – den kann man sich dennoch machen. Ob das letztlich die Neugier befriedigt? In jedem Fall bleibt diese obskure Story am Ende jegliche Gefälligkeit ihrem Publikum gegenüber schuldig. Eine Wende mag gerade noch ihren Weg ins Drehbuch gefunden haben, ganz klar ist die Conclusio da aber auch noch nicht.

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)